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2008-08-27: Westfalen Blatt Drucken


Paderborner führt deutschen Fanclub des spanischen Traditionsvereins

Ostwestfale fängt sich den Atlético-Virus ein

André Kahles Fußball-Welt dreht sich um Madrider Klub
Paderborn (WB). Unerwartet kam der Virus. Unerwartet, aber heftig. Mehr als 100 000 Menschen um André Kahle herum waren zusammen von ihm befallen. Der rot-weiße Erreger hatte sie alle infiziert. Ließ sie strahlen, feiern und tanzen. Und machte den Paderborner zum Atlético-Madrid-Fan. Noch am selben Tag gründete er den ersten und heute größten Fanclub Deutschlands.

Es hatte mich schnell erwischt. Ich hatte Atlético im Internet bei einem Managerspiel zugeteilt bekommen. Als im April 2003 das Stadtderby gegen Real Madrid und gleichzeitig der 100. Klubgeburtstag anstanden, bin ich hingeflogen, um endlich alles live und nicht nur im Internet oder am Radio zu erleben, erinnert sich der 26-Jährige. Das Derby endete 2:2, vielmehr blieb dem gebürtigen Hannoveraner allerdings die Jubiläumsfeier im Gedächtnis: Eine 1,2 Kilometer lange Fahne trugen die Fans durch die Stadt. Da war eine unglaubliche Stimmung, die ich so in Deutschland noch nie beim Fußball erlebt habe.

Bei den Madrilenen heißt der Virus, der 2003 auch André Kahle infizierte, schlicht »rojiblanco«, rot-weiß. Mitgerissen von den Tausenden rot-weiß gestreiften Trikots feiernden Anhängern gründete der Lehramtsstudent (Sport und Spanisch - was sonst?) den Peña Atletica Centuria Germana. Übersetzt: Atlético-Fanclub Deutsche Hundertschaft.

Um Rot und Weiß dreht sich seitdem viel im Leben des Fanclub-Präsidenten, der zwar noch keine Hundert, aber immerhin 30 zahlende Fans aus ganz Deutschland zu den Mitgliedern zählen kann – der Virus greift offenbar um sich. Rot und Weiß prägen auch die Wohnung von André Kahle und seiner Freundin Jennifer Geisler (28). Im Treppenhaus empfängt den Besucher eine Wand voll mit Atlético-Schals. Genau so ist der Farbtrend im Wohnzimmer eindeutig »Rojiblanco«. Vor einem Miniatur-Modell des Stadions Vicente- Caldéron setzt eine Spielerfigur des ehemaligen Stürmer- Stars Fernando Torres (heute FC Liverpool) zum Schuss an. Krawatten, Trikots, Fotos, Kissen, Fahnen, Bücher – es ist nicht zu übersehen: Kahles Leben ist zu einem Großteil Atlético gewidmet.

Mittlerweile geht es seiner Freundin nicht anders. Wenig verwunderlich bei der Erinnerung an das erste Date: »Er hat mich im Fanclub-Restaurant El Toro in Paderborn getroffen. Dort musste er das Derby gegen Real gucken. Und er hat mir gleich gesagt, wie wichtig Atlético für ihn ist«, sagt Jennifer Geisler. Sie wollte mich danach wiedersehen. Also ist sie selber schuld, kontert Kahle, der seine Freundin bereits bei zwölf seiner gut 30 Atlético-Spiele dabei hatte, mit einem breiten Lächeln.

Die deutsche Leidenschaft für den spanischen Arbeiterklub, der in der Stadt mehr Anhänger zählt als die Madrider Hochglanzversion Real, hat sich schnell bei den Atlético-Verantwortlichen herum gesprochen. Mittlerweile stehen wir fast wöchentlich im Kontakt mit ihnen. Sie ermöglichen uns Interviews mit Spielern für die Webseite und besorgen uns Karten, egal für welches Spiel, erklärt André Kahle. Erst vor zwei Wochen, beim Hinspiel der Champions- League-Quali in Schalke, speisten sie gemeinsam mit Klubverantwortlichen bei einem Dinner.

Auch beim heutigen Rückspiel wird die Centuria-Germana-Delegation vor Ort sein. Kahle: Dieses mal dürfen Jennifer und ich sogar auf der Ehrentribüne sitzen und sind zum Essen eingeladen worden. Wie schon öfters ist der Trip in den Süden wieder mit einem Urlaub verbunden. Allerdings mit kleinen Unterbrechungen. Am Dienstag kommen wir in Alicante an. Dann fahren wir Mittwoch mit dem Auto nach Madrid und wieder zurück. Am Wochenende kommen wir zum Saisonauftakt gegen Malaga dann nochmal, sagt Kahle. Immerhin: eine Strecke sind je 450 Kilometer. Und wie sieht Atléticos Champions-League-Zukunft aus? Sie können Schalke schlagen. Der Glaube ist da, ist André zuversichtlich. Jennifer sieht es realistischer: Wichtige Spiele verliert Atlético. Das mussten wir jetzt schon so oft erleben. Schade, aber bittere Realität. Für Kahle jedoch ein Grund mehr Fan zu sein: Das macht es doch aus. Sonst könnte ich auch mit Bayern München mitfiebern. Die Diagnose ist bei so viel Enthusiasmus eindeutig: Atlético-Virus!


Quelle: westfalen-blatt.de
 

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